André Kirbach Düsseldorf
Objekte Vita Text

Heiner Koch (geb.1947)



Seit den frühen 70er Jahren widmet sich Heiner Koch neben der Zeichnung intensiv der Bildhauerei. Die jeweiligen Werkstoffe sind für Koch nicht bloß zweckmäßiges Mittel, ihre unterschiedlichen Eigenschaften fördern und fordern den Künstler im Ringen um das jeweilige Material.
Ein zentrales Thema bildet schon sehr früh der Übergang von Leib zu Laib, dessen Kern für den Künstler in der letztendlichen Verbindung alles stofflichen in einem Ganzen zu finden ist. Aus diesem kosmisch verankerten Selbstverständnis heraus sucht Koch genauso die Nähe zum Christlich-Rituellen wie zum Rituell-Kultischen. Er reduziert oder addiert seine Werkstoffe, zitiert, assoziiert und bleibt doch zum reinen Abbild auf Distanz.
AK



Leibhaftige Wahrheit

(aus: Weltkunst, Nr. 4, München 1984, S. 277, Autor: Bernd Growe)


Nicht nur die Malerei öffnete sich in der jüngsten Vergangenheit neuen Vorstellungen, die den Kunstidealen noch der siebziger Jahre zuwiderlaufen, auch im Bereich der Plastik sind Neuorientierungen sichtbar. In der Plastik ist es ebenso wie in der Malerei unübersehbar, dass die Künstler sich wieder verstärkt bei älteren, vom verengten Fortschrittsgesetz der Modernität verschütteten Traditionen rückversichern. In diesem Kontext sind die Skulpturen eines jungen Bildhauers aus Mönchengladbach zu sehen, die derzeit in einer kleinen Ausstellung des Städtischen Museums Abteiberg gezeigt werden. Jene Arbeiten nehmen sich, ohne ihre fundamentale Prägung durch die Bedingungen der Moderne irgend zu leugnen, die älteste und trotz einer langen Periode der Verdrängung vornehmste Darstellungsaufgabe der Skulpturen zum Thema: den menschlichen Leib.

Allerdings versucht Heiner Koch (Jg. 1947), der sich nach dem Absolvieren der Akademie Düsseldorf als Kunstlehrer an einer Fachschule für Sozialpädagogik durchschlägt, weder den Körper des Menschen abbildlich zu repräsentieren, noch arbeitet er mit tradierten Materialien wie Bronze oder Marmor. Ihm genügen Fundstücke: sparsam bearbeitete Holzblöcke, deren Oberfläche von eingerammten Eisenkeilen über und über verletzt sind, während andere, geglättet und vergoldet, Unberührbarkeit signalisieren. In Mönchengladbach wird die Installation von länglichen Kantensteinen aus hellem Granit beherrscht, wie sie zur Uferbefestigung der Rheinwiesen benutzt werden. Sie blockieren den Zugang zum Ausstellungsraum, ein Haufen steinerner Leiber, die von Koch bei nur minimaler Formbearbeitung gewissermaßen mit dem Stockeisen „gehäutet“ wurden. Motivisch gesehen greifen Kochs Skulpturen auf je neue Weise die Themen „Kopf“ und „Rumpf“ auf. Sie zielen gerade nicht auf die Präsenz von Körpern, sondern thematisieren ganz widersprüchliche Körpererfahrungen. Ja, Kochs Skulpturen überfassen die ganze Spannbreite möglicher Körpererfahrungen – den unberührbaren, in ungreifbare Distanz gerückten gold-schimmernden Leib ebenso sehr wie dessen äußerste Verletzlichkeit und Hinfälligkeit. So besitzen die Skulpturen ein aus den Formen erwachsendes, über bloße Formbeziehungen aber hinausreichendes Leben. Die in einem „Splitterleib“, dessen „Haut“ von den eingerammten Eisenbolzen perforiert ist, zum Ausdruck kommende Brutalität rührt kaum aus der Oberflächenveränderung der Skulpturen allein; sie betrifft deren Innerstes, den Kern des Leibes. Man muss nicht eigens an Riemenschneider oder afrikanische Nagelfetische erinnern oder an die Skulpturen von Kochs Lehrer Beuys, um zu erkennen, dass in der Verletzlichkeit und gerade auch der Intangibilität der Skulpturen Kochs religiöse Gehalte angesprochen sind.
Thematische Konzentration bei erstaunlicher Vielfalt des Ausdrucks, die dieses vielversprechende Werk kennzeichnen (Koch ist auch ein passionierter Zeichner, drei großformatige Arbeiten sind am Abteiberg zu sehen), wären in einer umfassenderen Präsentation erst noch zu entdecken. Dann könnte sich die aktuelle Bedeutung der plastischen Konzeption von Heiner Koch und mit ihr die ungeminderte Aktualität und Geltung einer der schönsten Definitionen der Plastik überhaupt bestätigen. Die stammt von Herder und lautet: „Plastik ist historisch bedingte leibhaftige Wahrheit.“